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Entstehung der Förderlinie

Anfang des Jahres 2010 erschütterten Berichte über sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen in pädagogischen Einrichtungen die Öffentlichkeit und auch die Politik. Es waren die Betroffenen selbst, die das Schweigen gebrochen haben. Das Ausmaß der Fälle hatte niemand für möglich gehalten. Sie legten auch das Versagen von Institutionen und der Gemeinschaft offen: Über Jahrzehnte wurde geschwiegen, vertuscht und weggeschaut.

Die Bundesregierung hat schnell gehandelt. Im März 2010 hat das Bundeskabinett beschlossen, den „Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich“ sowie die Stelle der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs einzurichten. Unter Vorsitz des Bundesministeriums der Justiz (BMJ), des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erarbeitete der Runde Tisch bis November 2011 Empfehlungen für die Verbesserung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt. Zu den Mitgliedern des Runden Tisches gehörten unter anderem von Missbrauch Betroffene, Vertreterinnen und Vertreter der Kinder- und Opferschutzverbände, der bundesweiten Zusammenschlüsse von Beratungseinrichtungen, der Familienverbände, der Schul- und Internatsträger, der Freien Wohlfahrtspflege, der beiden großen christlichen Kirchen, des Rechtswesens, des Deutschen Bundestages sowie aus Bund, Ländern und Kommunen. Den Abschlussbericht des Runden Tisches finden Sie hier.

Beratungen am Runden Tisch hatten offengelegt, dass nur wenig wissenschaftlich fundiertes Wissen zum Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten vorhanden war. Um dies zu ändern und den Aufbau einer thematischen Wissenschaftslandschaft zu unterstützen, hat das BMBF rund 35 Millionen Euro für Forschung in diesem Bereich zur Verfügung gestellt. Der Schwerpunkt der Förderung liegt gemäß der Empfehlung der Expertinnen und Experten des Runden Tisches im Bereich der Bildungs- und Gesundheitsforschung.

Mit etwa 23 Millionen Euro wurde ein Netzwerk „Missbrauch, Vernachlässigung und Gewalt in Kindheit und Jugend“ in der Gesundheitsforschung aufgebaut. Die geförderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten in elf Forschungsverbünden zusammen. Die Förderung zielt insbesondere auf die Erforschung der biologischen, psychischen und psychosozialen Ursachen und Folgen von Gewalt und Missbrauch, der Interventions- und Therapiemöglichkeiten bei Betroffenen und Gefährdeten sowie der Prävention, Diagnostik und Therapie sexueller Präferenz- oder Verhaltensstörungen, die zur Gewaltausübung gegenüber Kindern und Jugendlichen prädisponieren. Mehr Informationen zur Förderlinie in der Gesundheitsforschung können Sie im Internet finden.

Im Rahmen dieser Homepage steht die Bildungsforschung im Mittelpunkt.

Mit den Berichten der Betroffenen sind pädagogische Einrichtungen besonders ins Blickfeld gerückt. Deshalb unterstützt das BMBF mit rund 12 Millionen Euro im Rahmen der Förderrichtlinie „Forschung zur Prävention sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten“ 22 Forschungsvorhaben. Darunter sind auch fünf Juniorprofessuren, die eine nachhaltige Etablierung des Themas an den Hochschulen in Forschung und Lehre sichern.

Die Vorhaben der im Folgenden vorgestellten Förderlinie befassen sich mit Möglichkeiten eines verbesserten Schutzes von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt in pädagogischen Einrichtungen. Es geht insbesondere um die Frage, welche Bedingungen und Strukturen in Bildungs- und Erziehungskontexten Kinder und Jugendliche vor sexualisierter Gewalt schützen – und welche nicht.

Viele der laufenden Forschungsvorhaben versprechen in der Praxis nutzbare Ergebnisse. So kann beispielsweise die Aus- und Fortbildung derjenigen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, verbessert werden. Neu entwickelte und wissenschaftlich überprüfte Präventionsprogramme können in Kindergärten, Schulen und anderen Einrichtungen genutzt werden. Das alles trägt dazu bei, die Prävention sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten zu stärken.

In den laufenden Forschungsvorhaben hat sich rasch gezeigt, dass in diesem sensiblen Forschungsbereich ein besonderes Augenmerk auf ethische Aspekte gerichtet werden muss. Die Mitglieder des Netzwerks „Forschung zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten" haben daher gemeinsam Empfehlungen für die Forschung zu sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten entwickelt und als sog. Bonner Ethik-Erklärung verabschiedet. Sie gibt Forscherinnen und Forschern Orientierung hinsichtlich ethischer Verantwortbarkeit und rechtlicher Grundlagen ihrer Studien. Basis aller Forschung ist der Grundsatz, das Wohl und die Rechte des Menschen zu schützen. Wie in der medizinischen und psychologischen Forschung müssen die Betroffenen über Sinn, Zweck, Ziel und Anlage der Untersuchung aufgeklärt werden. Die Befragten müssen ihre Beteiligung jederzeit zurückziehen können. Berücksichtigt wird auch der Umstand, dass durch den Forschungsprozess schmerzhafte Erinnerungen hervorgerufen werden können. In einem solchen Fall soll Beratung und Begleitung gewährleistet werden. Die Ethik-Erklärung soll – unter Einbeziehung der Wissenschaft auch jenseits der Förderlinie – stetig fortentwickelt werden.

 

Dieser Text (bzw. Teile des Textes) entstammt der BMBF Broschüre Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten. Forschung zu Prävention und Schutzkonzepten und wird auf dieser Netzwerk-Homepage mit freundlicher Genehmigung verwendet.

Kontakt

Dipl.-Päd.'in Mirja Beck

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Institut für Pädagogik
Abteilung Sexualpädagogik mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention

Olshausenstr. 75
24118 Kiel
Telefon: 0431/880-1250
E-Mail: beck@paedagogik.uni-kiel.de