Sie sind hier: Startseite / Das Forschungsnetzwerk / Projekte / Organisationale Strukturen und Kulturen / Prävention von Reviktimisierung bei sexuell missbrauchten Mädchen in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe

Prävention von Reviktimisierung bei sexuell missbrauchten Mädchen in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe

(PRÄVIK)

Projektdaten

Laufzeit
August 2014 - Mai 2017

Projektverantwortliche
Prof. Dr. Cornelia Helfferich, Sozialwissenschaftliches FrauenForschungsInstitut, Freiburg
Dr. Heinz Kindler/ Silvia Schürmann-Ebenfeld, M.A., Deutsches Jugendinstitut e.V., München
Prof. Dr. Barbara Kavemann, Sozialwissenschaftliches FrauenForschungsInstitut (SoFFI F.)
Bianca Nagel, M.A., Sozialwissenschaftliches FrauenForschungsInstitut (SoFFI F.)
 
Kontakt

Projektkoordination: Prof. Dr. Cornelia Helfferich

www.dji.de/reviktimisierung

www.soffi-f-de

Hintergrund des Projekts

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Prävention erneuter sexueller Viktimisierung bei Mädchen und jungen Frauen in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe. Diesen Jugendlichen, die in der Vorgeschichte bereits sexuellen Missbrauch erleben mussten, widerfährt überdurchschnittlich häufig noch während der Fremdunterbringung oder im Prozess der späteren Verselbständigung erneute sexuelle Gewalt.

Ein vertieftes Verständnis der Prozesse, die zu dem Phänomen beitragen, sowie die Entwicklung von Präventionskonzepten für betroffene Jugendliche, die in öffentlicher Verantwortung aufwachsen, waren sind daher dringend geboten.

 

Fragestellung

Welche Mechanismen erklären ein erhöhtes Risiko erneuter Gewalterfahrung als Folge sexuellen Missbrauchs?

Welche Rolle spielen dabei die (riskante) Gestaltung intimer Beziehung in der Jugend?

Welche Funktion haben die subjektiven Theorien der Mädchen zu Reviktimisierung und tragen sie zum Reviktimisierungsrisiko bei?

Welche Rolle spielt das pädagogische Konzept der Einrichtung, welche die Peer-Gruppe?

Welche Konsequenzen können für die Prävention gezogen werden?

 

Studie

Die Untersuchung war als Kombination von qualitativen Interviews, der Visualisierung subjektiver Theorien und einer quantitativen Befragung durch Fragebögen an zwei Befragungszeitpunkten angelegt. Aus der ersten Erhebung liegen Daten von 42 Mädchen und jungen Frauen zwischen 13 und 19 Jahren vor. 18 Mädchen haben einen Migrationshintergrund. In der zweiten Befragung knapp ein Jahr später konnten 26 Mädchen erneut befragt werden. Im Rahmen der Fragebogenerhebung wurden Daten zu Gewaltbelastung sowie Trauma-Symptome, generelle Verhaltensanpassung und Resilienz erhoben. Auch die Betreuer_innen wurden befragt.

Der Fokus der qualitativen Interviews lag auf der Erzählung der Beziehungsbiografie und Gefährdungserfahrungen, Deutungen sexueller Situationen im Kontext sexueller Beziehungen und in der Peer-Gruppe. Zudem wurde ein Konzept für Präventionsworkshops erarbeitet, das die Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten im Hinblick auf Sexualität und positive Beziehungen sowie einen angemessenen Selbstschutz beinhaltet. Dieses wurde mit interessierten Mädchen und jungen Frauen durchgeführt und evaluiert. Daraus entstand ein Konzept, das der Praxis online zur Verfügung gestellt wurde. Die Ergebnisse wurden in Austauschrunden mit Vertreter_innen der Praxis und der Forschung sowie mit jungen Mädchen diskutiert.

 

Ausgewählte Ergebnisse

Die Gewaltbelastung und der Traumatisierungsgrad sind in dieser Stichprobe ungewöhnlich hoch, des Weiteren zeigen die Befragten aus Sicht der Betreuungspersonen deutliche Verhaltens- und emotionale Auffälligkeiten. Sorge bereitete vor allem das große Ausmaß erneuter sexueller Gewalt im Verlauf nur eines Jahres. Über die Hälfte der Mädchen berichtete von einer Vergewaltigung oder dem Versuch.
Die Entwicklungsverläufe der Mädchen und die Formen des erfahrenen Missbrauchs sind sehr heterogen. Es wurden Präventionsinhalte und -ziele für unterschiedliche Entwicklungsverläufe herausgearbeitet. Grundziel war die Unterstützung bei der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben des Jugendalters unter verschiedenen besonderen Risikobedingungen.

  1. Mädchen, die kein Konzept von eigenen Grenzen und von Intimität haben und sich daher nicht schützen können, und die Gewalt nicht als solche definieren, sollen Zugang zu ihren riskanten Anteilen finden, diese verstehen können und erlernen, dass sie ein Recht haben, über ihren Körper selbst zu bestimmen.
  2. Diejenigen, die über ein Konzept von eigenen Grenzen verfügen, aber nicht in der Lage sind, ein Nein in ihren Beziehungen durchzusetzen und eigene Bedürfnisse gegenüber gewalttätigen Partnern_innen zu formulieren, brauchen Durchsetzungsstrategien, die für ihre subjektiven Möglichkeiten passend sind.
  3. Mädchen, die aufgrund von Ängsten alles vermeiden, was mit Sexualität zu tun haben könnte, sollen befähigt werden, eine Entscheidung für oder gegen sexuelle Beziehungen treffen zu können, die für ihre eigene Entwicklung produktiv ist. Eine ablehnende Haltung der Mädchen wird nicht in Frage gestellt, wenn sie notwendig ist.
  4. Die Mädchen mit einem effektiven Konzept von sexueller Selbstbestimmung sollen lernen, in ihren sozialen und intimen Beziehungen ihre Gewalterlebnisse zu kommunizieren und mit möglicher Stigmatisierung umzugehen.

Die Methode der Visualisierung subjektiver Theorien der Mädchen zu Re-Viktimisierung hat sich bewährt und interessante Ergebnisse erbracht. Problematisch ist es, wenn Mädchen Theorien wie klassische Vergewaltigungsmythen oder Opferbeschuldigungen vertreten. Hier muss Prävention ansetzten.

Drei Dimensionen geben Aufschluss über die präventiven Möglichkeiten der Jugendhilfe: (1) die persönliche Beziehung eines Mädchens zu ihrer Betreuungsperson, (2) die Bereitschaft des Mädchens sich anzuvertrauen, oder der Druck sich abzugrenzen und (3) das Verhältnis der Jugendgruppe als Gruppe zu den Betreuenden im Zusammenhang mit der Akzeptanz des pädagogischen Konzepts und der Regelungskultur der Einrichtung.

 

Praxisbezug

  • Sekundärprävention für bereits durch sexuellen Missbrauch belastete Jugendliche unterscheidet sich von allgemeiner Prävention.
  • Sie muss auf den Grad der Belastung sowie die jeweiligen Bewältigungswege und Risikopfade zugeschnitten werden.
  • In der stationären Jugendhilfe ist Wissen über die Folgen sexuellen Missbrauchs und über den Zusammenhang mit sexuell problematischem Verhalten und Regelverletzungen erforderlich.
  • Gelingen kann präventives Arbeiten nur auf der Basis von Vertrauen.

 

Publikationen

Veröffentlicht:

Helfferich, Cornelia; Kavemann, Barbara (2016): »Kein Sex im Kinderheim?« Prävention sexueller Gewalt in der stationären Jugendhilfe. Sozialmagazin 7-8. S. 52-59.

Helfferich, Cornelia; Kavemann, Barbara; Kindler, Heinz; Nagel, Bianca; Schürmann-Ebenfeld, Silvia (2017): Jugendliche Mädchen  mit einer Vorgeschichte sexuellen Missbrauchs vor erneuter Gewalt schützen: Eine Herausforderung für die stationäre Jugendhilfe. In: Das Jugendamt, Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht, Heidelberg, S. 582-585.

Helfferich, Cornelia; Kavemann, Barbara; Kindler, Heinz; Nagel, Bianca; Schürmann-Ebenfeld, Silvia (2017): Stigma macht vulnerabel, gute Beziehungen schützen. Sexueller Missbrauch in den Entwicklungsverläufen von jugendlichen Mädchen in der stationären Jugendhilfe. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 3-2017. DJI: München. S. 261-276.

Helfferich, Cornelia; Kavemann, Barbara; Nagel, Bianca (2018): Reviktimisierung nach sexuellem Missbrauch. In: Alexandra Retkowski; Angelika Treibel; Elisabeth Tuider (Hg.) Handbuch Sexualisierte Gewalt und pädagogische Kontexte, Beltz Juventa, Weinheim, S. 858-868.

Helfferich, Cornelia; Schürmann-Ebenfeld, Silvia; Kavemann, Barbara (2017): Einmal Opfer - nie mehr Opfer? In: DJI-Impulse. Schluss mit Schweigen! Sexuelle Gewalt gegen Kinder ansprechen, aufarbeiten, verhindern: Wie Schulen, Heime und Vereine junge Menschen schützen können. Nr. 116, H. 2, S. 25-27.

Kavemann, Barbara (2016): Sexualpädagogik oder Gewaltprävention? – Sexualität vor dem Hintergrund sexueller Gewalterlebnisse. In: Forum Gemeindepsychologie, Jg. 21 (2016). Ausgabe 1.

Kavemann, Barbara; Helfferich, Cornelia; Nagel, Bianca (2016): Subjektive Theorien von jugendlichen Mädchen über Re-Viktimisierung nach sexuellem Missbrauch. In: Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Band 19, Ausgabe 2. S. 124-150.

Kavemann, Barbara; Helfferich, Cornelia; Nagel, Bianca (2017): Ja bitte, aber richtig - Prävention und Sexualpädagogik für Mädchen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. In Betrifft Mädchen, Heft 4-2017.

Kavemann, Barbara; Helfferich, Cornelia; Kindler, Heinz; Nagel, Bianca (2018) Sexual re-victimisation of adolescent girls in institutional care with a history of sexual violence in childhood: empirical results and conclusions for prevention. Journal of Gender-Based Violence, Volume 2, Number 1, February 2018, pp. 9-24(16) Download Article: http://www.ingentaconnect.com/contentone/tpp/jgbv/2018/00000002/00000001/art00002#

Kindler, Heinz; Nagel, Bianca; Helfferich, Cornelia, Kavemann, Barbara; Schürmann-Ebenfeld, Silvia (2018) Missbrauch und Vertrauen. Pädagogische Prävention einer Re-Viktimisierung bei Mädchen mit sexuellem Missbrauch in der stationären Jugendhilfe. In: Zeitschrift für Pädagogik 2/2018,Weinheim und Basel: Beltz Juventa, S. 125-137.

In Vorbereitung:

Helfferich, Cornelia; Kavemann, Barbara; Kindler, Heinz; Nagel, Bianca; Schürmann-Ebenfeld, Silvia: Reviktimisierung nach sexuellem Missbrauch in einer Hochrisikogruppe - Ergebnisse einer Mixed Methods Studie bei Mädchen und jungen Frauen in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe. In: Dekker, Arne; Henningsen, Anja; Retkowski, Alexandra, Voß, Heinz-Jürgen; Wazlawik, Martin (Hg.): Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten. Aktuelle Forschungen und Reflexionen. Wiesbaden: Springer VS. In Arbeit.

Kavemann, Barbara; Helfferich, Cornelia; Nagel, Bianca; Kindler, Heinz: Re-Victimization of adolescent girls in institutional care with a history of sexual violence in childhood – empirical results and conclusions for prevention. Journal of Gender based Violence, Policy Press, Bristol. In Arbeit.

  

Kontakt

Dipl.-Päd.'in Mirja Beck

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Institut für Pädagogik
Abteilung Sexualpädagogik mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention

Olshausenstr. 75
24118 Kiel
Telefon: 0431/880-1250
E-Mail: beck@paedagogik.uni-kiel.de