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Vorbeugen und Handeln – Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen mit Behinderung

(SeMB)

Projektdaten

Laufzeit
März 2013 - Mai 2016

Projektverantwortliche
Jun.-Prof. Pia Bienstein, Universität zu Köln
Prof. Dr. Michael Seidel, v. Bodelschwingsche Stiftungen (Bethel.regional)

Kontakt
pia.bienstein@tu-dortmund.de

www.semb.eu

 

Hintergrund des Projekts

In der deutschsprachigen Forschung zum sexuellen Missbrauch wurden Kinder mit Behinderung bislang stark vernachlässigt, obwohl sie eine erhöhte Verletzlichkeit in unterschiedlichen Entwicklungsbereichen aufweisen. Hinzukommt, dass sie sich oft noch stärker als Kinder ohne Behinderungen in einem Abhängigkeitsverhältnis gegenüber Dritten befinden. Wissenschaftliche Erkenntnisse, u.a. zur Häufigkeit sexuellen Missbrauchs an Kindern mit Behinderung sowie zu institutionellen Strukturen, fehlen weitgehend. Ebenso verhält es sich mit Fortbildungen, die sich speziell an (angehende) Lehrer_innen und Fachkräfte der Behindertenhilfe richten, und Präventionstrainings für Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen.
Das Forschungsprojekt „Vorbeugen und Handeln - Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen mit Behinderung“ (SeMB) umfasste deshalb die Gruppen der Kinder und Jugendlichen mit Hörbehinderung, geistiger und körperlicher Behinderung sowie ihr betreuendes, pädagogisches Umfeld. Das Projekt beinhaltete eine Bestandsaufnahme von Schutz- und Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch, eine Analyse psychischer Störungen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung und die Entwicklung und Evaluation der SeMB-Fortbildung für (angehende) Fachkräfte und des Präventionstrainings „STARK mit SAM“ für Kinder.

 

Fragestellung

Wie viele Kinder sind von sexuellem Missbrauch betroffen und was sind Merkmale sexuellen Missbrauchs, der betroffenen Kinder sowie der Täter_innen? Wie erfolgte die Aufdeckung und welche Maßnahmen werden zur Prävention ergriffen?

Weisen Kinder mit Missbrauchserfahrung vermehrt (oder andere) Verhaltensauffälligkeiten auf und gibt es kindspezifische Risiko- und Schutzprofile?

Führt die Fortbildung u.a. zu einem signifikanten Wissenszuwachs zur Prävention sexuellen Missbrauchs, zu einer Steigerung der Handlungssicherheit sowie zu einer Reduzierung der Mythenakzeptanz auf Seiten der Studierenden, (Förderschul-)Lehrer_innen sowie pädagogischen Fachkräfte?

Führt das Präventionstraining u.a. zu einem signifikanten Wissenszuwachs im Bereich Körper, Berührungen und Sicherheits-/Handlungsstrategien auf Seiten der Kinder? Zeigen sich Unterschiede zwischen Kindern mit geistiger, körperlicher sowie Hörbehinderung?

Studie

Das Forschungsvorhaben wurde in drei Schritten durchgeführt:

(1)Deutschlandweite Bestandsaufnahme in Förderschulen und Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe:

  • Online-Befragung von 125 Schulleitungen und 391 Lehrer_innen über das Ausmaß von Verdachts- und bestätigten Missbrauchsfällen, interaktionale, strukturelle und personelle Bedingungen sowie Qualifikationsbedarfe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern-
  • Datenerhebung zu Verhaltensauffälligkeiten in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung.

 

(2)Entwicklung und Evaluation des SeMB-Fortbildungskonzeptes:

  • Schwerpunkt der Fortbildung liegt auf der Vermittlung von Fachwissen zur Vorbeugung sexuellen Missbrauchs.
  • Prä-/Post- und Follow-Up-Erhebung zum Wissen zur Prävention sexuellen Missbrauchs, zu Handlungssicherheit sowie zur Mythenakzeptanz.
  • Teilnahme von 392 Studierende, 366 Förderschullehrer_innen und 117 päd. Fachkräfte aus Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe (Bethel.regional).

 

(3)Entwicklung und Evaluation des Präventionstrainings „STARK mit SAM“:

  • Ziel war ein Präventionskonzept, das auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit geistiger, körperlicher sowie Hörbehinderung abgestimmt ist.
  • Prä-/Post- und Follow-Up-Erhebung mittels eines kindzentrierten Interviews, u.a. zu den Bereichen Körper, Berührungen und Sicherheits-/Handlungsstrategien, und eines Fragebogens für die Eltern und Lehrkräfte der beteiligten Kinder und Jugendlichen zu Auswirkungen des Präventionstrainings.
  • Einmalige standardisierte Leistungs- und Sprach-/Kommunikationsdiagnostik mit den Kindern und Jugendlichen.
  • Teilnahme von 163 Kinder und 72 Jugendlichen.

 

Ausgewählte Ergebnisse

  • 31.9% aller teilnehmenden Schulleitungen und 21.1% der teilnehmenden Lehrkräfte berichteten von mind. einem „gesicherten Fall“ sexuellen Missbrauchs innerhalb der letzten zwölf Monate. 54.1% der Schulleitungen und 37.9% der Lehrkräfte berichteten von mind. einem Verdachtsfall innerhalb desselben Zeitraums. Die Anzahl an gesicherten Fällen pro Schule pro Jahr lag nach Angabe der Schulleitungen im Durchschnitt bei 1.62 Schülern und Schülerinnen, bei einer Spanne von 1-4 Fällen.
  • Bei der Analyse psychischer Störungen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch zeigten sich in der Gesamtstichprobe keine signifikanten Unterschiede zwischen Kindern mit gesichertem sexuellen Missbrauch und Kindern ohne bekannte Missbrauchserfahrungen.
  • Die SeMB-Fortbildung konnte zwar keinen signifikanten Effekt auf die Mythenakzeptanz erzielen, führte jedoch zu einem signifikanten und praktisch bedeutsamen Zuwachs des Wissens zur Prävention und einer Reduktion von hemmenden Gefühlen gegenüber des Themenbereichs bei den Lehrkräften.
  • Kinder, die am „STARK mit SAM“-Training teilgenommen hatten, wiesen nach dem Training signifikant bessere Ergebnisse in den Bereichen Körper, Berührungen und Sicherheits-/Handlungsstrategien auf als die Kinder der Kontrollgruppe.

 

Praxisbezug

Auf dem Weg zu einer sicheren Schule braucht es präventive Strukturen! Entsprechende Angebote sind bislang kaum vorhanden oder fest implementiert. Fortbildungen leisten einen Beitrag zur Prävention sexuellen Missbrauchs. Das Training "Stark mit Sam" führt zur Stärkung der Kinder.
Präventionsangebote müssen an die Kompetenzen von Kindern mit Behinderung angepasst sein. Angebote müssen in ein multidimensionales Konzept eingebettet sein und bedürfen einer fortlaufenden Auseinandersetzung mit dem Thema.

 

Publikationen

Veröffentlicht:

Scharmanski, Sara; Verlinden, Karla; Urbann, Katharina; Bienstein, Pia (2015): Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen mit Behinderung. In: Kinder- und Jugendschutz in Wissenschaft und Praxis, 60. S. 133-138.

Urbann, Katharina (2015): Prävention sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen mit Hörbeeinträchtigung. In: Spektrum Hören 4. S. 300-302.

Urbann, Katharina; Scharmanski, Sara; Bienstein, Pia (2015): Wie können Menschen mit Behinderung vor sexuellem Missbrauch geschützt werden?. In: BZgA FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung, 2. S. 33-36.

Urbann, Katharina; Verlinden, Karla (2014): „Die könnten denken, ich sei schwul...“. Warum sich Jungen, die sexuelle Gewalt erleb(t)en, seltener offenbaren. In: AJS Forum 38 (2). S. 4-5.

In Vorbereitung:

Bienstein, Pia; Verlinden, Karla; Paschke, Stefanie: Prävention sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen mit Behinderung - Ein Trainingsmanual zur Fortbildung von pädagogischen Fachkräften. Göttingen: Hogrefe. In Arbeit.

Bienstein, Pia; Verlinden, Karla; Urbann, Katharina: STARK mit SAM: Ein Training für Kinder und Jugendliche mit Behinderung zur Prävention sexuellen Missbrauchs. Göttingen: Hogrefe. In Arbeit.

Bienstein, Pia; Verlinden, Karla: Behindertenhilfe als Ort sexualisierter Gewalt. In: Retkowski, Alexandra; Treibel, Angelika; Tuider, Elisabeth: Handbuch Sexualisierte Gewalt und pädagogische Arbeit. Theorie, Forschung, Praxis. Weinheim: Beltz Verlag. In Arbeit.

 

Kontakt

Dipl.-Päd.'in Mirja Beck

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Institut für Pädagogik
Abteilung Sexualpädagogik mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention

Olshausenstr. 75
24118 Kiel
Telefon: 0431/880-1250
E-Mail: beck@paedagogik.uni-kiel.de